Architektur begreifen

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Der Architekturführer für Blinde und Sehende „Der Altenberger Dom“ trägt den Untertitel „Architektur Begreifen“. Mit den Reliefbüchern wird Kunstinteressierten ein Instrument an die Hand gegeben, das die Architektur des Altenberger Doms, im doppelten Sinne des Wortes, begreifbar macht. Die Bücher sind Sprache für Augen und Hände zugleich. Die Idee der medialen Gleichbehandlung Blinder und Sehender beschränkt sich nicht auf die soziale Integration Blinder. Während der gemeinsamen taktilen und visuellen Rezeption ergänzen sich Blinde und Sehende. Viele Details werden auf den ersten flüchtigen Blick nicht wahrgenommen. Blinde und Sehende diskutieren ihre Eindrücke, machen Erfahrungen, kommen zu Kenntnissen und Erkenntnissen, Kommunikation wird zum positiven sozialen und emotionalen Ereignis.

Sinnliche Wahrnehmung
Blinden wurde in der Vergangenheit die Fähigkeit der ästhetischen Wahrnehmung von Kunstwerken abgesprochen. Zu dieser These kam man aufgrund von Bildbeschreibungen Blinder, die perspektivische Darstellungen in geprägter Form interpretierten. Auf diesen Reliefs befanden sich Vorder- und Hintergrund auf einer haptischen Ebene, für die Sehenden gut zu differenzieren, für die Blinden ergab sich aber ein Gesamtbild, das sie nicht zu deuten vermochten, denn im Haptischen gibt es keine Perspektive. Gefolgert wurde, dass das Ganze für einen Blinden nie mehr als die Summe seiner Teile sein könne, und somit der ästhetische Genuss nicht möglich sei.
Optomorphe Formen
Heute wissen wir, dass Reliefs mit perspektivischen Darstellungen für Blinde den Informationswert einer Raufasertapete haben, denn in der Welt des Tastens gibt es keine Perspektive. Max Kobbert unterscheidet zwischen visuellen, haptomorphen und optomorphen Formen. Während haptomorphe Formen, Plastiken von blinden Künstlern zum Beispiel, als Ganzes nur tastend angemessen rezipiert werden können, stellen sich optomorphe Formen im haptischen und visuellen ähnlich dar. Die Lösung zur Realisierung des Architekturführers für Blinde und Sehende war folglich die bildhafte Umsetzung der Zisterzienserarchitektur des Altenberger Doms in ein System optomorpher Reliefs.

Ästhetischer Genuss für Blinde und Sehende
Die von Uwe Boden entwickelten „optomorphen Bildzeichen“, Aufrisse, Grundrisse und Details sind definierte Elemente eines Systems, das prägnante Gestalteinheiten des Altenberger Doms deutlich macht. Ordnung und Gesetzmäßigkeiten ergeben sich aus der Skelettbauweise der gotischen Architektur. Auf den ersten Blick erinnern die Darstellungen an Architekturpläne, bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass das System eher mit den Schichtaufnahmen einer Computertomografie der Zisterzienserkirche zu vergleichen ist. Schicht für Schicht, bzw. Seite für Seite, kann die Architektur des Altenberger Domes ertastet und betrachtet werden. Zur Orientierung dient ein Grund- oder Aufriss, der aus den Büchern herausgeklappt wird. Die Beziehung der Elemente zueinander wird durch dieses „dreidimensionale Koordinatensystem“ deutlich; es entsteht ein räumlicher Eindruck. Das Bild des „Ganzen“ entsteht für Blinde und Sehende, wie ein Foto im Entwicklerbad, nach und nach vor dem geistigen Auge. Der ästhetische Genuss besteht darin, dass Blinden und Sehenden das „Unsichtbare“ der Zisterzienserarchitektur offenbar wird. Uwe Boden hat die Details der Architektur tastbar und sichtbar gemacht, die die Baumeister der Zisterzienser erdacht und in der Gestalt der Kirche verschlüsselt haben. Vor dem geistigen Auge der blinden und sehenden Rezipienten verschmelzen die optomorphen Gestalteinheiten zu einem Gesamtbild der Architektur.

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Den Grundstein für diese Arbeit hat Uwe Boden mit seiner Diplomarbeit an der Bergischen Universität Wuppertal, betreut von Prof. Klaus Winterhager und Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Maser, gelegt.